In den USA glaubt jeder zweite angeblich, daß das Universum vor ca. 6000 Jahren von einem Gott erschaffen wurde. Das ist ein Beispiel für enorme Vorstellungskraft (weil man sich vorstellt es gäbe einen Gott, für dessen Existenz es keine Anhaltspunkte gibt, der jedoch für absolut alles verantwortlich ist). Und für enorme Begrenztheit hinsichtlich Größe und Alter des Universums. Geradezu klaustrophobisch. Vielleicht erklärt das auch, weshalb die Amerikaner bisweilen unfassbare Kleingeister als Präsident wählen. Für so ein winziges Universum reicht das.
Aber im Ernst: die Antwort auf die Frage, ob sich der menschliche Geist irgendwelche kosmologischen Gegegebenheiten vorstellen kann (plastisch vorstellen kann) ist absolut: NEIN. Dafür hat der Mensch die höhere Mathematik erfunden, und selbst ein Gymnasiast mit einem guten Mathematik Leistungskurs hat nicht einmal ansatzweise eine Ahnung von der Natur dieser Mathematik. Der Physik Nobelpreisträger Richard Feynman meinte zudem einmal: "Das Beste, was man als ein populärwissenschaftlicher Autor erhoffen kann ist, beim Publikum die Illusion von Verständnis zu erzeugen."
Ein Beispiel: Nehmen wir den Inhalt einer Kugel in verschiedenen Dimensionen. Eine zweidimensionale Kugel ist ein Kreis - und der hat weniger "Inhalt" als eine dreidimensionale Kugel. Eine 4D Kugel hat mehr Inhalt als eine 3D Kugel, und eine 5D Kugel hat mehr Inhalt als eine 4D Kugel. Man kann sich zwar höherdimensionale Kugeln nicht bildlich vorstellen, aber irgendwie scheint die Vorstellung logisch, daß eine höherdimensionale Kugel immer einen größeren Rauminhalt hat, als eine geringer dimensionale. Dann kommt das Desaster: eine 7dimensionale Kugel hat weniger Rauminhalt, als eine 6dimensionale Kugel. Natürlich bei immer gleichem Radius. Buff! Da geht die Intuition durch den Schornstein. Und so ist das überall in den Naturwissenschaften: der Natur ist unsere Vorstellungskraft schnuppe. Ihr ist völlig egal, woran wir glauben, oder was wir uns wünschen.
Der Mensch kann sich vieles nicht vorstellen, wobei im Einzelfalle die persönliche Bildung und Intelligenz durchaus eine Rolle spielen. Aber grundsätzlich: Menschen können sich komplexe und höherdimensionale Mathematik in der Regel nicht vorstellen. Menschen können sich extrem komplexe nichtlineare Zusammenhänge nicht vorstellen. Menschen können sich extrem große und extrem kleine Größenordnungen nicht vorstellen. Menschen können sich extrem schnelle und extrem langsame Prozesse und Geschwindigkeiten nicht - oder nur sehr unvollständig – vorstellen, ebenso wenig wie sehr kurze oder sehr langsame Zeiträume. Unsere Vorstellungskraft ist durch die Größenordnungen unseres Erfahrungshorizontes bestimmt: Tag und Nacht, Jahreszeiten, die Höhe von Bäumen und Bergen. Schon die eigene Lebensspanne entzieht sich die Intuition.
Interessant daran ist, daß sich ein sehr intelligenter Mensch in der Regel eher über seine Grenzen im Klaren ist, als ein durchschnittlicher Mensch. Der eine entwickelt Methoden und Hilfsmittel um zu verstehen und vorherzusagen. Der andere füllt das Vakuum im Kopf mit Dinge an die er glaubt und für die er weder Beweise benötigt noch sie will, da die Beweise viel zu anstrengend für ihn sind.
Sonntag, 1. November 2009
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